Forschung im Fokus

Ein Label für mehr Transparenz

Drückende Hitze, beißender Chemikaliengeruch und extrem staubige Luft. Dazu ein sechzehn bis achtzehn Stunden Arbeitstag im Akkord. Betriebsärzte, Gesundheitskontrollen oder Gewerkschaften, die sich für die Arbeitnehmer einsetzen könnten – Fehlanzeige. Landwirte, die ihre Erzeugnisse unter enormer körperlicher Arbeitskraft ernten und letztlich sich und ihre Familien von dem Erlös kaum ernähren können. Die Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern wie China, Bangladesch, Indien oder Kambodscha sind häufig katastrophal. TV-Berichte und Reportagen über die systematische Ausbeutung von Arbeitskräften in diesen und vielen anderen Ländern sowie die dazugehörigen Einzelschicksale bereiten den Konsumenten oft mehr als nur ein schlechtes Gefühl. Die Medienpräsenz jedoch zahlt sich aus, denn immer mehr deutsche Verbraucher geben deutlich mehr Geld für fair gehandelte Produkte aus. So ist der Absatz von 2012 auf 2013 um 21 Prozent auf 784 Millionen Euro gestiegen, teilte das Forum Fairer Handel in Berlin mit. Doch auch wenn die Kunden sensibler werden, ein verlässliches und überschaubares Bewertungssystem mit einem prägnanten Label für den Verbraucher gibt es nicht. Auf Grund eines undurchsichtigen Sub-Unternehmertums scheinen selbst die Händler nicht immer den Überblick zu haben, wo genau von wem unter welchen Bedingungen die von ihnen vertriebenen Produkte gefertigt wurden.

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Als ein normativer Begriff gilt in diesem Zusammenhang die Nachhaltigkeit eines Produktes beziehungsweise dessen nachhaltige Entwicklung. Erstmals in der deutschsprachigen Forstwirtschaft verwendet, avancierte der Ausdruck zum Mode- und Werbewort. Für viele Unternehmen ist der Begriff »nachhaltig« lediglich zum Bestandteil ihrer Produktkampagne geworden. Tatsächlich steht hinter dem Attribut aber ein Konzept, das unternehmerischen Erfolg mit der Berücksichtigung sozialer, ökologischer und ökonomischer Aspekte verbindet. Kursieren auch verschiedene Definitionsmöglichkeiten von Nachhaltigkeit, so ist ihnen doch eines gemein: es geht um den »Erhalt eines Systems bzw. bestimmter Charakteristika eines Systems, sei es die Produktionskapazität des sozialen Systems oder des lebenserhaltenden ökologischen Systems. Es soll also immer etwas bewahrt werden zum Wohl der zukünftigen Generation«, erklärt Prof. Dr. Bernd Klauer vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in seinem Buch »Was ist Nachhaltigkeit« (1999).
Unter diesen Gesichtspunkten beschäftigt sich die Abteilung Ganzheitliche Bilanzierung am Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP bereits seit 25 Jahren mit Bewertungsmethoden der Nachhaltigkeit. Die Forscher haben es sich zur Aufgabe gemacht, verlässliche und allgemein anwendbare Bewertungssysteme zu entwickeln. »Für die ökologische und ökonomische Betrachtung von Produkten unter Berücksichtig ihrer Wertschöpfungskette haben sich die Methoden der produktbezogenen Ökobilanz LCA (Life Cycle Assessment) und der Lebenszyklusrechnung LCC (Life Cycle Costing) längst etabliert«, erklärt Sarah Schneider aus der Abteilung Ganzheitliche Bilanzierung. Diese international standardisierten Methoden finden sowohl in der Industrie als auch in der Forschung Anwendung. Die Ökobilanz ist eine nach ISO 14040 und 14044 international standardisierte Methode zur Beschreibung der potentiellen Umweltwirkungen, die durch ein Produkt oder Produktsystem über den Lebenszyklus verursacht werden. Dabei werden sämtliche Emissionen und Ressourcen entlang der Wertschöpfungskette eines Produktes erfasst und die potentiellen Umweltwirkungen in verschiedenen Wirkungskategorien wie beispielsweise dem Treibhauspotential berechnet. Im Rahmen der Lebenszykluskostenrechnung werden hingegen Zahlungsströme während des gesamten Lebenszyklus eines Produktsystems oder einer Dienstleistung betrachtet und entsprechend ihrem zeitlichen Auftreten diskontiert. Im Baubereich werden anhand von Umweltdeklarationen (engl. EPD – Environmental Product Declaration , Typ-III-Deklaration) nach ISO 14025 Angaben zum Lebenszyklus eines Bauprodukts, Ökobilanzkennwerte sowie Prüfergebnisse für eine Detailbewertung, zum Beispiel von Emissionen flüchtiger organischer Verbindungen (volatile organic compounds, kurz VOC) im Innenraum erstellt.
Mit Hilfe der Methode der LCA und der LCC wird somit der Begriff der Nachhaltigkeit quantifizierbar.
Der Foodprint für nachhaltige Lebensmittel
Qualität und Herkunft von Lebensmitteln rücken beim Einkauf zunehmend in den Fokus der sensibilisierten Verbraucher. Durch Umweltlabels wie Biokreis, Bioland, Demeter, Naturland, Naturkind und viele andere sollen den Konsumenten Orientierungshilfen an die Hand gegeben werden. Durch das Schaffen eigener Labels versuchen Supermarktketten auf die gestiegene Anfrage der Verbraucher zu reagieren. Doch immer wieder wird das Vertrauen durch den einen oder anderen Lebensmittelskandal erschüttert. Zudem wird »Greenwashing«, also der Missbrauch eines Labels, beispielsweise immer wieder von Umweltorganisationen aufgedeckt. Der Kunde reibt sich verdutzt die Augen und fragt sich, worauf er sich eigentlich noch verlassen kann.
Die Wissenschaftler der Abteilung Ganzheitliche Bilanzierung verfolgen das Ziel, eine Datenbank mit umweltrelevanten Kriterien für Lebensmittel ins Leben zu rufen. Diese Datenbank soll es einerseits Supermärkten und ihren Zulieferern ermöglichen, ihr Sortiment auf wissenschaftlich fundierten Berechnungen zusammenzustellen. Andererseits kann diese Datenbank als Basis für die neutrale, transparente Kaufentscheidung von Kunden dienen. Hierbei sind eine verständliche, einheitliche Aufarbeitung der Ökobilanzergebnisse von Lebensmitteln und ihre vereinfachte, verständliche Präsentation unabdingbar.
In einem ersten Schritt werden, basierend auf der Methode der Ökobilanzierung, Datensätze für eine Vielzahl der wichtigsten Lebensmittel erstellt. Diese Datensätze zeigen die ökologischen Auswirkungen, beispielsweise Emissionen, der jeweiligen Lebensmittel inklusive der gesamten Vorkette auf. Dadurch werden alle beteiligten Stakeholder, vom Landwirt über die Logistik, Verarbeitung, Verpackung und dem Handel bis hin zum Kunden mit einbezogen. Diese rein umweltlichen Informationen erweitern die Wissenschaftler bei Bedarf um weitere, auch qualitative Bewertungseigenschaften oder soziale sowie ökonomische Kriterien. Aufbauend auf diesen Informationen erhalten Supermärkte und Kunden hilfreiche Entscheidungsgrundlagen, um das Zusammenführen von Konsument und Supermarkt samt Vorkette zu ermöglichen.
Um diese Ziele zu erreichen, wurde eine Bestandsaufnahme bestehender nationaler sowie internationaler Datenbanken und Applikationen durchgeführt. Die Bestandsaufnahme ergab, dass Datenbanken und Applikationen bereits für ausgewählte Länder und Lebensmittel vorhanden und auch momentaner Forschungsgegenstand sind. Die Datenbanken sind allerdings nicht ohne weiteren Aufwand ineinander überführbar, da die Datenerhebung und Verwaltung der verschiedenen Datenbanken inhomogen und inkonsistent erfolgt. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen führten die Wissenschaftler eine »Marktanalyse« via Interviews mit nationalen und internationalen Stakeholdern durch. Dabei kam heraus, dass sich wegen der intransparenten, uneinheitlichen und ungenügenden Datenaufarbeitung der deutliche Wunsch nach Verbesserung ergibt. Nur durch eine adressatenspezifische und bedarfsgerechte Aufbereitung und differenzierte Darstellung der gewonnenen LCA-Informationen können die verschiedenen Stakeholder vom Nutzen der Bewertung überzeugt werden.
»Diese Marktbetrachtung, ein Schnittstellenaufbau zwischen allen Beteiligten, sowie der Aufbau einer Datenbank mit LCA relevanten Informationen zu Lebensmitteln sind die nächsten, anvisierten Schritte«, so Christian Peter Brandstetter aus der Gruppe Werkstoffe und Produktsysteme. Im Endeffekt stünde dann eine Datenbank für die Umwelteinwirkungen von verschiedenen Lebensmitteln zur Verfügung, die Supermärkten und Kunden eine erste Kauforientierung bietet. Ähnlich wie bei den Umweltproduktdeklarationen im Baubereich durch Environmental Product Declaration, kurz EPD, könnten Lebensmittelhersteller dazu angeregt werden, die Umwelteinwirkungen ihrer Produkte auszuweisen und somit spezifische Daten bereitzustellen. »Außerdem wäre es möglich, zum Beispiel in einer speziell dafür entwickelten App, den Kunden Umweltproduktinformationen ihrer Lebensmittel zur Verfügung zu stellen. Diese, selbstverständlich konsumentenfreundlich aufgearbeitet und interaktiv gestaltet, beliefern den Käufer im Supermarkt direkt mit allen relevanten Informationen. Natürlich kann das nicht Platz auf der Verpackung finden – über einen QR-Code ist es aber problemlos machbar«, erklärt Brandstetter die Idee weiter. Letztendlich können so für den Kunden ökologische Kosten des Einkaufs dargestellt und ausgewertet werden. Auch eine Anpassung des Bonussystems in Supermärkten könnte hieran gekoppelt werden und Kunden bei Unterschreiten eines gewissen, festzusetzenden Betrages an Emissionen pro Artikel und Einkauf, Gutscheine für Lebensmittel einbringen. Dies müsste im Projektrahmen aber erprobt werden, um die Nachhaltigkeit aufgrund möglicher Rebound-Effekte, das heißt der Kompensierung von Effizienzgewinnen durch vermehrten Konsum oder verstärkte Nutzung, nicht ad absurdum zu führen.
Sozialer Footprint macht große (Fort)Schritte
Der verantwortungsbewusste Umgang mit Ressourcen, eine umweltverträgliche Produktion, die faire Behandlung von Arbeitnehmern und weitere Aspekte der Nachhaltigkeit spielen auch in anderen Bereichen wie in der Textilindustrie oder der Computerbranche eine zunehmende Rolle. Sozialen Implikationen, die mit der Herstellung, Nutzung und Entsorgung eines Produkts einhergehen, wurde bisher – abgesehen von qualitativen und intransparenten Marken wie »Fair Trade« – wenig Beachtung geschenkt. Das soll sich nun ändern. Da genau diese sozialen Informationen immer stärker die Kaufentscheidungen von Kunden und Firmen beeinflussen, beschäftigt sich die Abteilung Ganzheitliche Bilanzierung als eines der ersten Forscherteams weltweit damit, auch die sozialen Aspekte entlang der Wertschöpfungskette quantitativ abzubilden. Um dies über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts oder eines Produktsystems betrachten und bewerten zu können, bedarf es einer Methodik, die genau diese sozialen Indikatoren einbeziehen kann: die Life Cycle Working Environment, kurz LCWE-Methode. Diese nutzt dabei prozessbezogene Informationen aus der Ökobilanz als Grundlage, den Einsatz von Werkstoffen und Energieträgern, ergänzt um ökonomische, wie zum Beispiel die Wertschöpfung und sozio-ökonomische, wie beispielsweise Arbeitssekunden. Daraus wird dann pro Prozessschritt ein Sozialprofil errechnet. Die arbeitsplatzbezogenen Indikatoren der LCWE-Methode umfassen bisher die Gesamtarbeitszeit je Prozessschritt und Produkt, die Unterteilung der Arbeitszeit in definierte Qualifikationslevel, den Anteil an Frauenarbeit je Prozessschritt und Produkt sowie die Anzahl der nicht-tödlichen und tödlichen Unfälle.
Um die Nutzung der LCWE-Methode zu gewährleisten, errechneten die Forscher aus verschiedenen Datenbanken generische Daten für die genannten Indikatoren und integrierten diese in die Ökobilanz-Datenbank GaBi. Die Anwendbarkeit der Methode und die in der Datenbank hinterlegten Daten wurden bislang an einigen Beispielen erprobt. Die LCWE-Methode ist nicht auf einzelne industrielle Sektoren und Branchen beschränkt. Sie ist somit ideal, die sozialen Aspekte entlang von Wertschöpfungsketten zu analysieren.
Die Wissenschaftler der Abteilung Ganzheitliche Bilanzierung verfolgen gemeinsam mit Partnern aus Forschung, Industrie und Handel das Ziel, die Methode der arbeitsplatzbezogenen sozialen Analyse der Wertschöpfungskette zielgerichtet weiterzuentwickeln.
Die oben dargestellten Indikatoren sollen künftig um weitere, wie zum Beispiel Kinderarbeit, Arbeitssicherheit und Mindestlohn, ergänzt, geprüft und gegebenfalls aktualisiert werden. Mit Hilfe dieser Datensätze soll es für Firmen möglich sein, ihre Produkte hinsichtlich sozialer Indikatoren zu analysieren, quantitativ und damit transparent darzustellen und die Ergebnisse auch an Kunden zu kommunizieren. Durch eine derartige Analyse können Firmen beispielsweise die Abhängigkeiten ihres Produktes hinsichtlich qualifizierter Arbeitnehmer untersuchen.
»Weiterhin steht eine Nutzenanalyse der LCWE-Methode im Vordergrund. Dabei werden zum einen unternehmensinterne Fragen gestellt, also in wie weit hilft mir LCWE soziale Gegebenheiten in der Wertschöpfungskette transparent darzustellen oder wie stehe ich mit meinem Sozialprofil gegenüber dem Branchenschnitt oder meinem Konkurrenten da«, erklärt IBP-Forscherin Sarah Homolka. »Zudem stehen Überlegungen an, ob sich LCWE auch aus Unternehmenssicht zu Marketingzwecken eignet oder sich im besten Falle sogar ein Soziallabel 'product social footprint' daraus machen ließe – in Analogie zum 'product environmental footprint'.«
Den Forschern wird mit ihrer Arbeit ein großes Interesse seitens der Industrie entgegengebracht. Trotz der Hemmnisse, die aufgrund der komplexen Wertschöpfungs- und Zulieferketten entstehen, gewinnen letztlich auf Unternehmensebene die sozialen Aspekte zunehmend an Bedeutung und so entwickeln Abteilungsleiter Matthias Fischer und sein Team ihre Methoden weiter. In einem ersten Schritt werden die IBP-Mitarbeiter zunächst die systematische Anwendbarkeit von LCWE in verschiedenen Branchen demonstrieren. Dazu wird ab kommenden Herbst, in Zusammenarbeit mit einem Partner aus der Textilindustrie, die produktbezogene Analyse von sozialen Aspekten anhand eines textilen Produktes durchgeführt.
(taf)