Forschung im Fokus

Energiegeladene Botschaft

Johannes Schrade besetzt weder ein politisches Amt, noch hält er eine hohe Position in der Wirtschaft und dennoch ist er maßgeblich an der Zukunftsgestaltung Stuttgarts beteiligt. Der ambitionierte Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik IBP ist unterwegs in Sachen Energieeffizienz, um die Schwabenmetropole mit an vorderster Front energetisch auf Vordermann zu bringen. Das Thema Energieeffizienz hat in Stuttgart eine hohe Priorität, denn die Stadt hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt. Bis zum Jahr 2020 will sie 20 Prozent weniger Energie verbrauchen als im Jahr 1990 und dabei 20 Prozent des Energiebedarfs mit erneuerbaren Energien decken. Bezogen auf das Jahr 2012 waren dies 900 Millionen Kilowattstunden Primärenergie, die einzusparen sind. Das ist in etwa die Energiemenge, welche die Stuttgarter Bürger derzeit jährlich zum Heizen verbraucht. Der Wettbewerb »Energieeffiziente Stadt« des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, den Stuttgart neben vier weiteren deutschen Städten (Delitzsch, Essen, Magdeburg und Wolfhagen) im September 2010 gewann, brachte den Stein ins Rollen und festigte das mutige Vorhaben »Stadt mit Energieeffizienz Stuttgart (SEE)«. In dieses Unterfangen fließen die langjährigen Erfahrungen des Fraunhofer IBP bei energetischen Sanierungen und Neubau von Gebäuden und Stadtquartieren mit ein.

»Die Startbedingungen für unser Forschungsprojekt waren gut«, sagt der Diplom-Ingenieur, »denn von Anfang an hatten wir starke Partner mit im Boot, wie beispielsweise das Stuttgarter Amt für Umweltschutz, das bereits seit Jahrzehnten eng mit der Abteilung Wärmetechnik zusammenarbeitet«. Auch diverse Institute der Universität Stuttgart sind in dieses interdisziplinäre Projekt eingebunden. Ein weiteres starkes Zugpferd ist das Energieunternehmen EnBW. Es leistete bereits einen wichtigen Beitrag, in dem es durch den Einbau von Gegendruckturbinen in ihren Kraftwerken Gaisburg und Münster den Nutzungsgrad der Stromerzeugung um 20 Prozent erhöhte. Bereitgestelltes Datenmaterial unterstützt das wissenschaftliche Projekt. So geben umfangreiche Netzbetreiberdaten Aufschluss darüber, wieviel Energie in Einzelsparten, wie privaten Haushalten, Industrie und Gewerbe, in den letzten Jahren verbraucht wurde. Außerdem zeigen die Daten auch den Anteil erneuerbarer Energien im Versorgungsmix Stuttgart. Basierend auf diesen Energiedaten erstellten die Fraunhofer-Forscher in einem zweijährigen Intervall eine Energiebilanz für die Gesamtstadt und visualisieren die Energieflüsse. »Die Ergebnisse dieser Auswertung sind überraschend, denn wir stellten fest, dass die Sektoren Industrie und Gewerbe in den letzten zwanzig Jahren bereits beachtliche Effizienzsteigerungen erreicht haben. Offensichtlich besteht in diesen Bereichen ein großer Handlungszwang, um auch bei steigenden Energiepreisen auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu sein. Im Vergleich dazu hinken die privaten Haushalte der Entwicklung hinterher. Speziell beim Stromverbrauch ist die Tendenz des Energieverbrauchs sogar zunehmend«, erklärt Schrade. »Schuld hierfür sind aber nicht, wie mancher vielleicht vermutet, die klassischen Energiefresser wie Kühl- Gefrierkombinationen, sondern die in den letzten Jahren hinzugekommene Unterhaltungselektronik wie Tablets, Rooter, oder PCs«. Verursacher ist auch die ständig zunehmende Wohnfläche, die jeder für sich beansprucht. Die durchschnittliche Wohnfläche eines Stuttgarter Bürgers liegt derzeit bei knapp 40 m² und damit 5 m² über dem Flächenwert von 1990. »Diese zusätzliche Wohnfläche muss ebenfalls geheizt werden. Dies führt dazu, dass der erhöhte Flächenbedarf die bislang erzielte Effizienzsteigerung fast vollständig aufgebraucht hat«.

Unumgänglich ist der nächste Schritt: Alle Energie verbrauchenden Bereiche in Stuttgart müssen auf den Prüfstein. Dazu zählen Haushalte, Verkehr, Industrie, Gewerbe, Handel und Dienstleistung sowie städtische Liegenschaften. Auch der Bürger ist gefragt, denn ohne seine aktive Beteiligung geht es nicht. Wie jedoch die Hürde überwinden und die Menschen an der Basis erreichen? Der Wissenschaftler setzt auf die »persönliche Schiene«. Das heißt, vor Ort zugegen sein – in Foren, in Diskussionsrunden, auf kommunalen Versammlungen und sich den Fragen der Bürger stellen. Auch mal ungewöhnliche Wege gehen und beispielsweise in Eigentümerversammlungen Überzeugungsarbeit leisten. Schrade: »Mit der direkten Ansprache entwickeln wir ein Gespür für die Belange der Bürgerschaft. Welche Fragen treibt sie um und wie können wir Menschen für unsere Ideen gewinnen ohne uns aufzudrängen? Emotionale Aspekte dürfen wir nicht unterschätzen. Seit die Presse populistisch das Thema ›Dämmwahn‹ aufgegriffen hat, hinterfragen auch häufig Bürger den Sinn von Wärmedämmung. Beim Blick auf die umgesetzten Maßnahmen, die durch das städtisches Förderprogramm finanziert wurden, erkennt man, dass die negative Berichterstattung zu einem Rückgang bei Fassadensanierungen geführt. Unsere Arbeit zeigt uns, dass man Ängste und Einwände der Menschen ernstnehmen muss«.

Um die Einwohner Stuttgarts von der Energiewende zu überzeugen, gehen die Wissenschaftler buchstäblich bis in deren Wohnstube. Rund 700 Stuttgarter Haushalte konnten an einer Haushaltsberatung teilnehmen. Neben Strom- und Heizkosten wurden das Mobilitätsverhalten, die Ausstattung der Haushalte mit elektrischen Geräten und Leuchtmitteln sowie der Zustand der Gebäude erfasst. Jeder teilnehmende Haushalt erhielt eine Beratungsmappe mit auf ihn zugeschnittenen Vorschlägen für Einsparmaßnahmen mit Angaben zu Einsparpotenzial und Kostenreduzierung. Die im Rahmen der Haushaltsbefragung gewonnenen Daten sind aus wissenschaftlicher Sicht von großem Interesse. So sind Zusammenhänge zwischen dem Lebensstil einer Person und ihres Energieverbrauchs herstellbar, die es bislang in der Form nicht gab.

Die Wissenschaftler um Schrade haben noch mehr Ideen. So verfolgt das Team den Gedanken, Sanierungswilligen keine komplizierten Sachkenntnisse abzuverlangen, sondern Maßnahmen zur energetischen Sanierung sollen auf Knopfdruck angestoßen und umgesetzt werden – quasi das Rund-Um-Sorglos-Sanierungspaket. Eine Dienstleistung zur Qualitätssicherung von baulichen Maßnahmen würde vielen die Sorge von Pfusch am Bau nehmen. Auch für Verwalter, denen oft die Fachkompetenz zu Sanierungsthemen fehlt, bieten sie Hilfe in Form von Leitfäden und Berechnungstools zur Potenzialabschätzung. Eine wichtige Aufgabe kommt unabhängigen Experten zu, die keine wirtschaftlichen Interessen vertreten. Sie genießen das höchste Vertrauen und könnten Sanierungswilligen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Wer trotz Beratung immer noch zweifelt, den würde Schrade zum Probewohnen in ein saniertes Gebäude schicken, damit dieser den Komfortunterschied zu einem nicht sanierten Gebäude unmittelbar erleben kann. Überhaupt sollte der Wohlfühlaspekt viel stärker in den Vordergrund rücken und nicht das Hauptaugenmerk auf der Wirtschaftlichkeit liegen. Beim Autokauf geht es dem Käufer ja auch nicht nur um die Wirtschaftlichkeit, sondern auch darum, sich im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten ein Fahrzeug zu kaufen, in dem man sich sicher und wohlfühlt. Warum nicht auch bei der Sanierung eines Hauses, das eine wesentlich längere Lebensdauer hat als ein Auto, ähnliche Kriterien anlegen, die eine Komfortverbesserung stärker fokussieren?

Die Energiewende ist zwar ein gesamtdeutsches Projekt, doch die Umsetzung erfolgt vor Ort. Jeder Einzelne ist gefordert, zu ihrem Gelingen beizutragen. Deshalb ist Johannes Schrade ein Punkt besonders wichtig: »Die Energiewende ist viel mehr als nur erneuerbare Energien und Strom sparen. Viele Verbraucher sehen sich ihre Stromrechnung an und brechen die Energiewende auf den Anteil ihrer EEG-Umlage runter. Dabei macht der Anteil des Stroms am Energieverbrauch in den privaten Haushalten nicht mehr als 10 Prozent aus. Die größten Hebelwirkungen sind bei unseren Gebäudeheizungen und bei der Mobilität, die immerhin 25 Prozent des privaten Energieverbrauchs in Stuttgart ausmacht, zu erzielen«.

Die Schwabenmetropole kämpft zudem seit Jahrzehnten mit zu hohen Feinstaubkonzentrationen und Ozonwerten und wurde vor kurzem auch noch zur Stau-Stadt Nr. 1 in Deutschland »gekürt«. Die Probleme sind zwar gewaltig, einher damit geht dennoch ein großes Potenzial zur Verbesserung. Einen wichtigen Stuttgarter hat das Forschungsteam um Schrade auf jeden Fall bereits überzeugt. Oberbürgermeister Fritz Kuhn hat die wissenschaftlichen Grundlagen und die im Forschungsprojekt erarbeiteten Effizienzmaßnahmen in seine politische Agenda übernommen. Mitte dieses Jahres wird das städtische Energiekonzept zur Urbanisierung der Energiewende in Stuttgart veröffentlicht werden.

 

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Die monatliche Internetrubrik gibt Einblicke in die Forschungsarbeit des Fraunhofer IBP.