Forschung im Fokus

Bauen auf kleinem Fuß

Wie viele Liter Wasser verbraucht die Herstellung eines Fensters, bis das fertige Produkt vom Band läuft, zur Baustelle transportiert, eingebaut und nach Abriss des Gebäudes im besten Fall wieder recycelt und so in den Kreislauf zurückgeführt wird? Ist ein Baustoff, der besonders viel Wärme speichern kann, der nachhaltigere oder derjenige, der möglichst wenig Energie für seine Produktion verbraucht und in örtlicher Nähe zum Bauvorhaben hergestellt wird? Bauherren mit hohem Anspruch hinsichtlich der Nachhaltigkeit ihres Vorhabens haben es nicht leicht, Baumaterialen zu finden, die den vielfältigen Ansprüchen an Nachhaltigkeit gerecht werden. Wer ökologisch bauen will, muss einzelne Anforderungen – wie Recycelbarkeit, Schadstoffarmut oder Langlebigkeit – gegeneinander abwägen. Zertifizierungen oder Siegel für nachhaltiges Bauen gibt es zwar seit einigen Jahren in verschiedenen europäischen Ländern. Eine belastbare Vergleichbarkeit ist jedoch in anwendbarer Form nicht gegeben, denn bisherige Standards für die Ökobilanzierung von Gebäuden und Bauprodukten erlauben einen großen Interpretationsspielraum und differierende Auslegungen. Dabei entfallen nach Angaben der Europäischen Kommission 40 Prozent des Energieverbrauchs auf den Bau und die Instandhaltung von Gebäuden, einschließlich Heizung, Klimaanlagen, Beleuchtung und elektrischer Ausstattung. Die EU ist für ein Drittel der CO2-Emissionen verantwortlich. Im Umkehrschluss heißt dies aber auch: In Europa steckt enormes bisher ungenutztes Potenzial für mehr Effizienz und Nachhaltigkeit in Bauprodukten und Gebäuden.

»Im Projekt EeBGuide haben wir einheitliche Rechenregeln für Ökobilanzen in der europäischen Bauindustrie entwickelt und fassten diese in Leitlinien zusammen«, erklärt Johannes Gantner, Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP. Der Architekt hat sich seit seinen Studienzeiten auf das Thema Nachhaltigkeit im Gebäudesektor spezialisiert. Jetzt war er federführend in dieses wegweisende Projekt involviert. »Bisher verwendeten Länder der EU unterschiedliche Messgrößen, die zu widersprüchlichen Standards und Richtlinien führten. Eine Vergleichbarkeit von Bauprodukten, Bausystemen oder Gebäuden hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit war damit nicht gegeben. Salopp gesagt: jedes Land handhabt es anders«, beschreibt er die bisherige Praxis. »Frankreich beispielsweise versucht, die Lebenszyklusphasen eines Gebäudes inklusive der Baustellenprozesse und der Transporte zu quantifizieren. Da jedoch oft viele Informationen fehlen, werden unspezifische Standardwerte verwendet. Das Siegel BREEAM (BRE Environmental Assessment Method) wurde 1990 in Großbritannien entwickelt. Die Ökobilanz für Bauprodukte basiert in diesem System auf einem qualitativen Bewertungssystem und es werden keine quantitativen vergleichbaren Zahlenwerte ermittelt«. Das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen für Bundesgebäude (BNB) des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) ergänzt den Leitfaden Nachhaltiges Bauen als ganzheitliches quantitatives Bewertungsverfahren für Büro- und Verwaltungsgebäude. Seit 2009 existiert in Deutschland das Deutsche Gütesiegel für Nachhaltiges Bauen, das die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e. V. (DGNB) als ein umfassendes Bewertungssystem für kommerzielle Gebäude entwickelt hat. Die Ökobilanz nimmt in diesem System einen entscheidenden Bewertungsbaustein für die Nachhaltigkeit von Gebäuden ein. Um das Arbeiten mit Ökobilanzen europaweit auf ein gemeinsames Niveau zu heben, untersuchte und definierte das Projekt EeBGuide dafür einheitliche und verbindliche Regeln.

Neben dem Fraunhofer IBP an dem Projekt beteiligt waren das britische Building Research Establishment (BRE), das französische Centre Scientifique et Technique du Bâtiment (CSTB), der spanische UNESCO-Lehrstuhl für Lebenszyklusstudien der Escola Superior de Comerc International (ESCI), das deutsche Unternehmen thinkstep sowie die schwedische Prof. Ch. Sjöström Consultancy. Dieses Gremium aus Wirtschaft und Forschung setzte sich intensiv mit den Anforderungen auseinander, welche Berechnungsregeln für möglichst umfassende Lebenszyklusanalysen und Ökobilanzstudien für energieeffiziente Gebäude und Bauerzeugnisse künftig in Europa gelten sollen. »Alle Energie- und Materialflüsse, die mit dem Produkt in Berührung kommen, dokumentieren wir und bewerten, welche Umweltbelastungen damit verbunden sind«, erklärt Gantner das Vorgehen.

Ein Kernpunkt in diesem Projekt hatte besondere Priorität: die Leitlinien sollen in der Praxis anwendbar sein. »Um diese Anwendbarkeit in der Baupraxis sicherzustellen, haben wir viele Fallstudien an Gebäuden durchgeführt«, so Gantner. »Und wir haben die Möglichkeit einer Kommentierung geschaffen. Die Expertise von Fachleuten aus der Bauindustrie ebenso wie von Ökobilanz-Experten sollte nicht ungenutzt bleiben«. Public Consulting nennt man diese wissenschaftliche Methode, um relevante interessierte Gruppen an bestimmten Prozessen zu beteiligen. Eine eigens dafür eingerichtete Online-Plattform stellte Templates und Vorlagen für eine laufende Fortschreibung bereit. Somit konnte sich jeder Anwender von Lebenszyklusanalysen ohne viel Aufwand und bürokratische Hürden aktiv einbringen.

Als Ergebnis herausgekommen ist ein interaktiver Leitfaden, der für Transparenz und Konsistenz steht. In Form von zwei Handbüchern erfolgte unter maßgeblicher Verantwortung von Johannes Gantner vor kurzem die Veröffentlichung: »EeBGuide Guidance Document – Part A: Products« und »EeBGuide Guidance Document – Part B: Buildings«. Die Trennung in zwei Dokumente – einmal für Produkte und einmal für Gebäude – dient der Unterstützung des Anwenders. In vielen europäischen Forschungsprojekten wurden Lebenszyklusanalysen meist nicht als fester Bestandteil gesehen und deshalb nicht von Anfang an in ein Projekt integriert. Bei einer Integration zu einem späteren Zeitpunkt gestaltet es sich schwierig, das aufgezeigte ökologische Optimierungspotential zu nutzen, da die Resultate der Analyse nicht mehr in den technologischen Entwicklungsablauf eingebunden werden können. Das Leitdokument EeBGuide soll hier Abhilfe schaffen. Es fungiert als eine Art Ratgeber, der aufgrund von Definitionen, Kalkulationsregeln, Annahmen und vergleichbaren Resultaten schnelle fundierte Analysen zulässt.

Der Fraunhofer-Wissenschaftler erachtet es auch für notwendig, den Kommunikationsaspekt im Baubereich zu erweitern und den Austausch unter den Baubeteiligten zu verstärken. Er hat eine klare Vision, was die Zukunft Europas angeht: »Ich stelle mir eine Transformation hin zur nachhaltigen Gesellschaft vor, indem der Weg zu ökologischen Innovationen und Effizienz geebnet wird«, erklärt er und fügt hinzu: »Die Offenlegung und Verbesserung der Umwelteffizienz von Produkten und Technologien im Gebäudebereich ist das Gerüst, um wirtschaftliches und urbanes Wachstums vom Ressourcenverbrauch abzukoppeln. Wir müssen jedoch an Lösungen dranbleiben. Dieses System könnte auch auf andere Produktsysteme, zum Beispiel in der Luftfahrt oder im Bereich von Lebensmitteln ausgeweitet werden«. Und er würde es begrüßen, dass Umweltinformationen für jedes einzelne Produkt genau Auskunft geben über seine Umweltwirkungen. Eine europäische Harmonisierung und Vernetzung von EPDs (Umweltproduktdeklarationen), wie sie aktuell der Zusammenschluss der »ECO Plattform« vorantreibt, hätte zudem den Vorteil, dass sich Hersteller nicht mehr mit unterschiedlichen Vorgaben für die jeweiligen europäischen Märkte konfrontiert sehen.

»Um die Nachhaltigkeit eines Produktes möglichst exakt beurteilen zu können, müssen auch Kenndaten, wie beispielsweise der Transport zur Baustelle, der Wasserverbrauch über den gesamten Lebenszyklus oder beispielswiese die Abwasserentsorgung in die Ökobilanz aufgenommen werden. Ebenso sich abzeichnende grundlegende gesellschaftliche Veränderungen wie die Energiewende sollten integriert werden. In diesem Projekt wurden noch nicht alle Kriterien berücksichtigt«, erklärt Gantner und sieht deshalb noch Verbesserungspotenzial in der Gebäudezertifizierung. Allerdings, so sagt der Forscher des Fraunhofer IBP, sei dies eine Gratwanderung: Auf der einen Seite sind Verordnungen oftmals der einzige Weg, Veränderungen zu erwirken, auf der anderen Seite ist davon aber die Flexibilität des europäischen Marktes betroffen. Zu hohe Schranken können Impulse für Markt und unternehmerische Kreativität unterdrücken. Letztendlich geht es darum, Kompromisse zu finden, die allen nutzen – vor allem jedoch unserer Umwelt und unserem Klima.
schw