Forschung im Fokus

Aus alt macht (fast) neu?

An heißen Sommertagen ist ein Besuch im Fraunhofer-Zentrum für energetische Altbausanierung und Denkmalpflege Benediktbeuern immer eine besondere Wohltat. Angenehme Kühle empfängt den Besucher in den Räumlichkeiten, liegen sie doch hinter den dicken Mauern der Alten Schäfflerei des Klosters Benediktbeuern. Diese dicken Mauern sind es jedoch auch, die an frostigen Wintertagen aus erfrischender Kühle durchdringende Kälte werden lassen. Bislang. Denn: Für angenehme Temperaturen zu jeder Jahreszeit, genauso wie für energetische Einsparungen ist auch bei Altbauten eine entsprechende Wärmedämmung einer der zentralen Schlüssel. Doch die nachträgliche Dämmung dieser, aufgrund ihres Alters, häufig sensiblen Gebäude stellt ihre Besitzer, ebenso wie Planer und Architekten vor große Herausforderungen. Aus diesem Grund fiel vor kurzem der Startschuss für ein neues Projekt im Fraunhofer-Zentrum für energetische Altbausanierung und Denkmalpflege: In den kommenden Jahren werden Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik IBP verschiedene Innendämmungen auf ihre Anwendbarkeit im Altbau testen. »Damit gehen wir einen wichtigen Schritt in der Weiterentwicklung bzw. Etablierung moderner Methoden in der energetischen Altbausanierung«, erklärt Projektleiter Ralf Kilian. Und Christine Milch, Koordinatorin für Bau und Forschung im Fraunhofer-Zentrum Benediktbeuern, fügt hinzu: »Dieses Projekt spiegelt in vielerlei Hinsicht den Grundgedanken dessen wieder, was wir in Benediktbeuern machen wollen. Es ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie wir neue Technik in Altbauten zur Anwendung bringen können und dabei gleichzeitig dem Denkmalpflegeaspekt gerecht werden.«


Könnten die Mauern der Alten Schäfflerei sprechen, hätten sie so einiges zu erzählen. Nachdem das Gebäude 1760 fertiggestellt worden war, wurden hier über viele Jahrzehnte hinweg die Fässer für die Klosterbrauerei hergestellt. Über die Jahre hat das historische Gebäude bewegte Zeiten miterlebt. So zogen nach dem 2. Weltkrieg Flüchtlingsfamilien in die Räumlichkeiten im Obergeschoss und nutzten sie bis weit in die 50er Jahre als Wohnraum. Zuletzt waren im Erdgeschoss eine Schmiede und die Hausmeisterei des Klosters untergebracht, bevor das Fraunhofer IBP im Juli 2010 mit dem Fraunhofer-Zentrum für energetische Altbausanierung und Denkmalpflege hier Einzug gehalten hat. »Natürlich wurde in den vorangegangenen Jahren immer wieder baulich etwas verändert und erneuert, doch der denkmalpflegerische Aspekt stand dabei bislang nicht im Mittelpunkt«, so Milch. Das hat sich unter der Regie der Gruppe Denkmalpflege und Bauen im Bestand der Abteilung Energieeffizienz und Raumkima geändert.

Das Fraunhofer-Zentrum ist ein umfangreiches Forschungsprojekt mit baulichen Maßnahmen und soll als Anschauungsobjekt im Sinne einer »Gläsernen Baustelle« denkmalgerecht und unter energetischen Gesichtspunkten instandgesetzt werden. »Wir wollen hier traditionelle und innovative Techniken für den Einsatz im Baudenkmal und in schützenswerten Altbauten untersuchen«, erklärt Milch und benennt damit schon fast so etwas wie das Motto für die nächsten Jahre. Das bislang größte Projekt, das im Juni dieses Jahres seinen Abschluss gefunden hat, war die aufwendige Instandsetzung des Daches, wobei ein Teil der alten Dachziegel erhalten und die neuen nach altem Muster gebrannt wurden, sowie die Erneuerung der Balkenköpfe und der ersten Musterfenster – ebenfalls unter denkmalpflegerischen und restauratorischen Gesichtspunkten. Nun folgen noch weitere bauliche Maßnahmen, wie die Dämmung der Geschossdecke über dem Obergeschoss und die Instandsetzung der Fassade.

Das aktuelle Projekt »Innendämmung«, das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie gefördert wird, steht derzeit noch am Anfang und ist nur eines von vielen Teilprojekten, die im Fraunhofer-Zentrum Benediktbeuern in Zukunft noch laufen werden. Die Besonderheit dabei ist, dass nicht nur eine Art von Innendämmung eingebaut werden soll, vielmehr werden zehn bis elf unterschiedliche Dämmmaterialien an die Wände des über 200 Quadratmeter großen Obergeschosses angebracht. Da es sich um ein historisches Gebäude handelt, liegt ein besonderer Schwerpunkt auf der Reversibilität der Methode. »Das heißt, wir wollen bei der Anbringung gezielt darauf achten, dass die Dämmung leicht wieder entfernt werden kann und dabei keine oder nur sehr wenige und schnell behebbare Schäden am Mauerwerk entstehen«, erläutert Projektleiter Kilian. Erste Vorversuche laufen daher bereits in einem der Testhäuser auf dem Freilandversuchsgelände des Fraunhofer IBP in Holzkirchen. Wichtig ist den beteiligten Wissenschaftler neben dem schadensfreien Rückbaugedanken zudem, Dämmungen zu verwenden, die entweder hochwärmedämmend und sehr dünn sind oder aber aus nachwachsenden Rohstoffen bzw. recyceltem Material bestehen.
Zu diesem Zweck haben die Wissenschaftler ein Portfolio zusammengestellt, dass drei Dämmstoffgruppen beinhaltet:
1. Mineralische Dämmsysteme, wie Kalziumsilikat, Lehm und Ziegel.
2. Dämmungen aus nachwachsenden Rohstoffen, wie Holzfasern, Typha, Zellulose, Hanf oder Flachs, bzw. aus recycelten Material wie zum Beispiel Polyurethan aus Autositzen.
3. Dünne Dämmsysteme, wie Vakuumdämmpaneele oder Aerogelmatten.

»Vor, während und nach der Dämmungsmaßnahme werden am Gebäude beispielhaft Messungen sowie rechnerische Untersuchungen durchgeführt, um daraus vergleichend die Vor- und Nachteile sowie die Einsatzgrenzen der unterschiedlichen Systeme abzuleiten«, schildert Kilian. »Unser Ziel ist, zu ermitteln, welche Dämmstoffdicken ohne Risiko von Feuchteschäden und den damit verbundenen gesundheitlichen Problemen und Schäden an der Gebäudesubstanz vertretbar sowie sinnvoll sind.« Zugleich – um dem Gedanken der Nachhaltigkeit möglichst umfassend zu berücksichtigen – wird sich die Abteilung Ganzheitliche Bilanzierung um die Ökobilanzierung der einzelnen Dämmstoffe kümmern.
»Mit innovativen Ansätzen, neuen Materialien und interdisziplinärer Zusammenarbeit werden wir wertvolle wissenschaftliche Ergebnisse generieren, die dann in der Praxis umgesetzt werden können«, so Kilian. Das Projekt »Innendämmung« soll im Frühjahr 2016 abgeschlossen werden.

Bis dahin wird sich im Fraunhofer-Zentrum Benediktbeuern allerdings noch viel mehr tun. So wird in den kommenden Jahren unter anderem im Nordbau ein Dachdemonstrationszentrum entstehen, verschiedene Wandheizungssysteme werden im Hinblick auf energetische, exergetische und hygrothermische zur Barrierefreiheit innerhalb des Gebäudes, folgen noch. Das Hauptaugenmerk bei allen Aktivitäten im Fraunhofer-Zentrum Benediktbeuern liegt dabei auf vernetztem, interdisziplinärem Arbeiten mit verschiedenen Einrichtungen und Projektpartnern. »Der Austausch ist uns sehr wichtig«, erklärt Christine Milch. »Wir wollen ein lebendiges und aktives Zentrum schaffen und haben unsere Arbeit daher auf vier Säulen gestellt: Forschung, Demonstration, Wissen sammeln und Wissen vermitteln.« Aus diesem Grund finden bereits jetzt regelmäßig Seminare sowie öffentliche Informationsveranstaltungen statt. Milch: »Diese richten sich nicht nur an Wissenschaftler, sondern auch an Handwerker, Bauherrn oder einfach nur interessierte Bürger. Besonders am Herzen liegen uns aber auch die Jugendlichen, für die wir in Zukunft gezielt Veranstaltungen organisieren möchten.« Sukzessive wird zur Information auch eine Ausstellung aufgebaut werden, die die einzelnen Schritte der Instandsetzung des historischen Gebäudes dokumentiert und die Forschungsergebnisse des Fraunhofer IBP für alle zugänglich macht. Darüber hinaus soll auch schon bald regelmäßig eine Bürgersprechstunde stattfinden, in der sich die Forscher den Fragen der interessierten Öffentlichkeit stellen.
»Historische Gebäude sind mehr als nur alte Häuser. Sie sind Fenster in die Vergangenheit und gleichzeitig ein wesentlicher Bestandteil unserer Gegenwart und unserer Zukunft. Damit sind sie sinnstiftend für kulturhistorische Identität«, sagt Milch.

Kommen Sie auch zum diesjährigen Tag des offenen Denkmals am 9. September im Fraunhofer-Zentrum für energetische Altbausanierung und Denkmalpflege Benediktbeuern.

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